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Interview mit Joachim Behrend -„Mit´n Red´n kumma d´Leut´ z´amm“

29.07.2016

 

Seit einem Jahr steht Joachim Behrend der Kreishandwerkerschaft Nordoberpfalz vor.
Der Neue schildert seine bisherigen Erfahrungen und Pläne für die Zukunft.

Von Siegfried Bühner

 

Herr Behrend, wie sehen Sie Ihr erstes Jahr in diesem Ehrenamt?

Joachim Behrend:
Es war eine spannende Zeit, die auch viel Kraft und Energie gekostet hat. Doch anders funktioniert dieses Amt nicht. Zunächst ging es darum, alle wichtigen Institutionen und Personen in der Region kennenzulernen und Kontakte zu knüpfen. Politiker, Bürgermeister, Verwaltungsbehörden, Bildungseinrichtungen und andere wichtige Partner mussten besucht werden. Alles geschah neben dem Tagesgeschäft in meinem Betrieb. Ich war positiv überrascht, dass ich vom ersten Tag an den Respekt spürte, den dieses Amt in der Öffentlichkeit genießt. Neu für mich war die Arbeit in der Geschäftsstelle der Kreishandwerkerschaft. Deshalb musste ich dort zunächst auch viel Zeit verbringen. Aber jetzt weiß ich, alles läuft dort sehr gut. Vor allem gibt es ein tolles Team, auf das ich mich blind verlassen kann.

Können Sie schon von ersten Arbeitsergebnissen berichten?

Gleich in den ersten Wochen wurde ich mit einem brisanten Konfliktthema konfrontiert. Es gab massive Beschwerden aus Handwerksbetrieben über die Prüfungen der Zollbehörde. Nach dem Motto „Mit´n Red´n kumma d´Leut z´amm“ habe ich dann alle Beteiligten einschließlich der hiesigen Bundestagsabgeordneten zu einem „Runden Tisch“ eingeladen. Dabei wurde versucht, Verständnis für die Position des anderen zu entwickeln. Seither gab es keine Beschwerden mehr. Richtig anfangen konnte ich allerdings erst jetzt mit meiner Hauptaufgabe in diesem Amt, nämlich das Handwerk stärker in die Köpfe der Leute zu bringen.

Wie kann es gelingen, Schulabsolventen und Eltern wieder mehr vom Handwerk zu überzeugen?

Wir versuchen zunächst mit viel Informations- und Öffentlichkeitsarbeit. Das Produkt Handwerk muss bekannter werden. Dabei haben wir wirklich überzeugende Argumente. Durch den immer stärker zunehmenden Fachkräftemangel kann man doch mit Überzeugung davon sprechen, dass das Handwerk goldenen Boden hat. Rund 10 000 Betriebe in Bayern suchen demnächst einen Nachfolger. Für junge Handwerker bieten sich dabei ideale Konstellationen, mit einem vorhandenen Kundenstamm weiterzumachen.

Während Ihres ersten Amtsjahres hat Handwerkspräsident Georg Haber das Wort vom Akademisierungswahn in die Diskussion eingebracht. Wie gehen Sie mit diesem Thema um – vor allem vor dem Hintergrund eines möglichen Konflikts mit der OTH Amberg-Weiden?

Dieses Wort ist bestimmt nicht gegen die Hochschule gerichtet. Diejenigen, die hier studieren, bleiben ja in großer Zahl in der Region – und die Region profitiert davon. Doch andere müssen abwandern und finden nur auswärts einen Arbeitsplatz. Ich habe Kontakt zur Hochschulpräsidentin aufgenommen, um eine enge Vernetzung zwischen Handwerk und Hochschule herzustellen. Vor allem denke ich dabei an Weiterbildungsmöglichkeiten für Handwerker. Natürlich konkurrieren wir in gewissem Maße um Nachwuchskräfte, aber wir brauchen beides, Handwerker und „studierte Leute“. Schließlich machen die Facharbeiter das, was sich die Akademiker ausdenken. Kritisch wird es nur dann wenn es mehr Studienanfänger als neue Auszubildende gibt. Alle Berechnungen zeigen, dass der zukünftige Facharbeiterbedarf vielfach höher als der Akademikerbedarf ist. Es kann ja nicht sein, dass wir die Facharbeiter dann aus dem Ausland holen müssen.

Für zwingend erforderliche halte ich auch, dass an den Gymnasien die Berufsorientierung ausgebaut wird. So mancher Schulleiter fühlt sich für Berufsorientierung nicht zuständig. Auch ein Abiturient kann ein Handwerk lernen. Den Ritterschlag kann er auch im Handwerk bekommen. Um das zu erkennen, bedarf es allerdings generell einer neuen Grundeinstellung.

Quelle: Beilage "Handwerk aktuell" in „Der neue Tag“

 
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